«Dinge verwittern langsamer, sehr viel langsamer als Menschen», sagte der Stiftsbibliothekar im Fräulein Stark. Dieser Satz taucht auch in Thomas Hürlimanns neuem Roman Vierzig Rosen auf, der nach dem Grossen Kater nun in gewisser Weise eine Trilogie abschliesst. Vierzig Rosen erhält Marie zum Geburtstag von ihrem Mann – wie jedes Jahr, seit sie Vierzig gewesen ist. Während Marie zum Geburtstagsfest nach Bern fährt, erzählt der Roman in der Rückblende die gescheiterte Beziehung zwischen dem karrieresüchtigen «christlichen Zukunftspolitiker» und seiner jüdischen Ehefrau. Hürlimann ist mit ihr eine beeindruckende, ambivalente Frauenfigur gelungen. Marie Katz lebt zwischen Anpassung und Widerstand, zwischen ihrer jüdischen Herkunft und der neuen Familie, zwischen der Politik ihres Mannes und ihren Fluchtversuchen in die Musiker-Bohème, zwischen der Angst vor dem Alter und dem Zwang zur Jugendlichkeit, zwischen den Verlusten der Vergangenheit und einer Zukunft, an die sie nicht glaubt. Die gespreizte Schere, das Signet der alten Schneiderei Katz über der Tür, ist auch das obszöne Symbol ihres Lebens geworden. Hürlimanns an Stifter und Keller gereifte Erzählkunst vermag diese Widersprüche in den Schichtungen, Brechungen, Rückblenden und Überblendungen seines Romans darzustellen, ohne dass er selber auseinander bricht, aber auch ohne, dass er ihm gewaltsam eine Einheit aufzwingt. (Samuel Moser)