Poesie und Prosa: fliessende Grenzen
Klaus Merz, Zsuzsanna Gahse, Felix Philipp Ingold
Les frontières entre poésie et prose sont floues, ainsi que le montrent, sous différents angles, Klaus Merz, Zsuzsanna Gahse et Felix Philipp Ingold. Dans Noch ist Licht im Haus, Klaus Merz fait se côtoyer poèmes et histoires, tout en veillant à rester concentré. Dans Zeilenweise Frauenfeld, Zsuzsanna Gahse note ses observations de telle sorte que, ligne après ligne, lyrisme et prose se fondent en une unité. Dans Märzember, Felix Philipp Ingold mêle, sans systématique stricte, différents styles poétiques pour créer un parlando plein de vie. (bm trad. cg)
Die Aufgabe bleibt die Aufgabe
Die Leichtigkeit seiner Gedichte ist ein Markenzeichen von Klaus Merz. So licht und einfach sie erscheinen, täuschen sie doch nie darüber hinweg, dass in ihnen die harte Arbeit des Verdichtens steckt. Gleich eingangs im neuen Band Noch Licht im Haus demonstriert es Merz in einem Dreizeiler im Versmass 7-5-5.
Unsere Aufgabe bleibt
die Aufgabe. Ich
arbeite daran.
Was oberflächlich wie ein bestärkender Pleonasmus klingt, eröffnet im Kern zwei Lesarten. In der Aufgabe steckt sowohl der Auftrag wie das Aufgeben, mit je ungleichen Vorzeichen des Aufbruchs oder des Verzichts. So erhalten die drei einfachen Zeilen eine prekäre Note, die allenthalben in diesem Band aufblitzt. Worte sind Dreh- und Angelpunkte, die Ambiguitäten erschliessen und Räume zwischen den Zeilen öffnen. Mit kleinsten Verschiebungen setzt Klaus Merz sein allgegenwärtiges lyrisches Ich in Situationen und Bilder, die so schlicht wie unauflösbar erscheinen. Dabei gilt: «alle Wege führen / im Morgengrauen / zurück zu mir» – zum Kind im Dichter. Sei es, wenn im nächtlichen Donnergrollen die «grossen Kindheitsgewitter» leise nachhallen, seien es die Stromschläge, die Mutter einst verabreicht wurden und die noch immer «gegen die eigene Schläfenwand» branden – mit einem Seitenblick auf Merz' Kernerzählung «Im Schläfengebiet».
Ein ganzes Kapitel versammelt Gedichte, die lyrische Echos auf bildnerische Werke geben, die unsichtbar bleiben und deshalb geheimnisvoll. Auf Anhieb vor dem inneren Auge erahnbar ist vielleicht einer der Spinnen von Louise Bourgeois, die riesenhafte «Maman», die das Ich umfangen soll: «Bevor der nächste Morgen / uns wieder entzweit». Gerne spielt Merz im neuen Band auch auf andere Dichter an, auf Rimbaud («ich ein anderer»), Büchner (Lenz im Gebirge), Mani Matter (die stehengebliebene Uhr) oder im Titelgedicht auf Vladimir Nabokov und sein Sprich, Erinnerung, sprich!. Durch das Fenster erkennt das lyrische Ich hier einen Mann vor dem Bücherregal: «Als stünde er / vor einer Urnenwand». Das Werk als Vermächtnis, rückwärtsgewandt – immerhin ist noch Licht im Haus, ein Widerschein des ersten Satzes bei Nabokov: «Die Wiege schwingt über einem Abgrund, und der Hausverstand sagt uns, dass unser Leben nur ein kurzer Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels ist.» Im Merzschen «noch» steckt ebenso ein Memento mori wie ein Trotzdem: eine Aufgabe wie eine Aufgabe.
Die Versuche, der inwendigen
Abschüssigkeit etwas entgegen
zu stellen, bleiben vergeblich.
So beherbergt jedes der Gedichte einen tückischen Widerhaken. Dies gilt auch für die prosaische Abteilung in diesem Band. Klaus Merz hat schon immer die Grenzen zwischen Prosa und Poesie verwischt. Unter der Überschrift «Aus Hannover» finden sich «Sozioprotokolle von Studierenden bei Wilfried Köpke», einem Journalisten und Medienprofessor. In diesen kurzen Texten sind die Porträtierten auf einen Kern verdichtet, der so vielsagend wie rätselhaft bleibt. Und in «Stimmen von nebenan», vergleichbaren Porträts, sind es die anderen, die sprechen und das lyrische Ich zum Du machen. Die minimalistischen sechs- bis zwölfzeiligen, im Flattersatz rhythmisierten Prosatexte geben Splitter von Selbstaussagen wieder, denen der Dichter lediglich zuzuhören scheint. Aber natürlich trügt der Eindruck. «Leer dreht / der Regiestuhl neben / der laufenden Kamera» – der Dichter ist am Schreiben.
Zeilenweise Gahse
Ein Gedicht ist eine «Dichtung in Versen, Reimen od. besonderem Rhythmus», heisst es lapidar im Duden, wobei das Gedicht lyrischen, epischen oder dramatischen Charakter haben kann. Vers und Rhythmus, hin und wieder sogar ein seltener Reim, charakterisieren auch Zsuzsanna Gahse Zeilenweise Frauenfeld – auch wenn sie sich dafür nicht bei klassischen Lyrikformaten bedient. Vielmehr sieht sich das lyrische und beobachtende Ich «als verdeckte Ermittlerin» von Sachverhalten, die nach und nach zeilenweise aufgedeckt werden. Kurzum, Zsuzsanna Gahse entzieht sich auf gewitzte Weise den herkömmlichen Definitionen und setzt sich einfach auf die Bank an der Murg, gleich beim Bahnhof Frauenfeld, zusammen mit Manu, vielleicht auch mit der Welschen, und schaut dem vorüberziehenden Gesellschaftstheater zu. Und mit jedem Zug, der ankommt, ergiesst sich aus der Unterführung eine neue Schar von Menschen, die sich in die vielen Richtungen verteilen.
In ihrem vielleicht bekanntesten Buch durch und durch (2004) sass die Dichterin einst am Fenster und beobachtete, was sich, immer wieder gedanklich abschweifend, seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden, auf der Strasse vor ihrem Haus in Müllheim an der Thur ereignete und sich quer durch die Räume und Zeiten bewegte. Im neuen Buch hat sie, wie der Titel anzeigt, ihren Beobachtungsort nach Frauenfeld an der Murg verlegt. Die Murg fliesst in die Thur. Manu ist, wie erwähnt, mit dabei, auch Lucian, der Wettererzähler, oder Sam, und regelmässig taucht Nora auf: mal Nora (24), mal Nora (49), alterslos, vielgesichtig, wandelbar eine andere. Auch sie wird Teil der «mindestens vierundzwanzig Wir-Möglichkeiten».
Gedichtzeilen sind oft bloss der sichtbare Ausdruck, die lesbare Manifestation von etwas, das ungesagt mitschwingt. So auch in diesem Band. Als Lesende lassen wir uns zusammen mit der Ich-Beobachterin quer durch Frauenfeld, verführen und staunen, halten inne.
Die Heuchelei. Gesichtet um 17:40 nahe dem Marktplatz. Dort
hielt sich die Mehrheit auf.Die Minderheit hatte sich in die Nebenstraßen verzogen.
Auftritt der Mehrheit mit ausgebreiteten Armen.
Zweiteilungen. Die einen und die anderen. Das ist die Kernge-
schichte. Ihr und wir im Clinch.
Sass die Erzählerin in durch und durch noch zuhause in ihrer Stube, so taucht sie hier ins wilde alltägliche Leben ein, mit einem Auftrag, wie sie gerne andeutet. Denn Zeilenweise Frauenfeld kokettiert mit einem kriminalen Plot, der sich allerdings nicht so recht offenbaren will. Er verliert sich gewissermassen in den wechselhaften Gedanken und Gesprächen, mehr noch in der Sprache selbst, ihrem «Stocken in den Sätzen» – seit je das zentrale Thema bei Gahse. Zeile für Zeile weist sie darauf hin, wer wir sind, denn wir sind, was und wie wir reden. Welchen «Auftrag einer Detektei» die Erzählerin dabei auch immer zu erfüllen sucht, sie ist im Geiste ihrer Autorin eine Sprachfahnderin, der sich die Welt über Worte, Redeweisen, Etymologien erschliesst. «Ich sehe Wörter gerne in ihrem Larvenzustand, wie sie früher aussahen und was sie bedeuteten», um zu verfolgen, wie sie sich oft überraschenderweise wandeln und die Wirklichkeit prägen, mitunter mit überraschender Wendung:
zum Beispiel stammt das Wort Frau überaus kurz gesagt vom Fro
ab, und Fro bedeutete Mann oder Herr.
Das Grimmsche Wörterbuch kann es bestätigen. So schweifen wir mit Zsuzsanna Gahse durch die Sprachgeschichte und werden Zeugen von Unscheinbarkeiten und Freundschaftsgesprächen – wobei, sei mit erwähnt, Frauenfeld dabei nicht zu kurz kommt. Nur ein richtiger Krimi will es nicht werden – braucht es auch nicht.
Nie nicht bei Ingold
Wo Klaus Merz zur kleinsten Form tendiert und Zsuzsanna Gahse ihre Beobachtungen streng zeilenweise ausrichtet, neigt Felix Philipp Ingold in seinem Band Märzember zu einem ausschweifenden, ja zuweilen ekstatischen Zeichen- und Zeilenfluss. Auf über 200 Seiten mischen sich bei ihm lockere Spruchweisheiten, bedachte Wortspiele, präzis gesetzte Zeilen zu einem lyrischen Parlando, das sich an den inhaltlichen Motiven Nacht, Finsternis, Abgrund und Tod ausrichtet. Der titelgebende «Märzember» wird zum Begleiter des Winters, indem er den Sommer unausgesprochen ein- und verklammert.
Denn nie
hat die Sonne keinen Erfolg. Niemals
kriegt sie ihre Nacht zu sehn.
Und wird für immer so schön scheinen
dass keiner jemals ihren Tod
bemerkt.
Charakteristisch an diesem Zitat ist die doppelte Verneinung nie-nicht, die dem Band eine befangene Affirmation verleiht, mit der «die schlechte Hiesigkeit – meist Realität genannt» bedacht wird. Gleich anschliessend: «Das Verstehn kommt (wenn's kommt) hakenschlagend nie nicht hinterher». Ins selbe Motiv stossen die Zeilen:
Zu trauen
ist einzig den Schatten – sie schaffen
das Licht und behaupten
die Sonne.
Sie stammen aus dem vielleicht schönsten Kapitel «Mit andern Worten (wie denn sonst)». Darin schliesst sich ein vielstrophiges Gedicht um (kursiv angezeigte) Zitate aus Kafkas Werkentwürfen und Tagebüchern, in denen die düstere Motivik mit einem verspielt elegischen Tonfall kontrastiert.
Dichterische Anleihen (etwa bei Rimbaud), philosophisches Blinzeln, Wortwitz («Unterstand – von understatement») und ein allgegenwärtiges Memento mori kugeln lebhaft durcheinander. So erweckt dieser Band mit Texten aus den Jahren «2022 bis 2015» übers Ganze hinweg einen impulsiven, zugleich unkonzentrierten Eindruck, getreu dem, was Ingold ganz zuletzt bemerkt: «Mir kommt's mehr auf das Schreiben an als auf's Geschriebene». Ausgerechnet der strenge Formalist Ingold lässt es hier an Formstrenge vermissen. Die Gedichte fransen gerne ins leichthin Hinzugefügte aus und und erwecken den Eindruck des spontan Hingeworfenen. «Oft wissen Kalauer mehr / als die älteren Weisheiten» – mag sein, aber sie klingen nicht selten auch unausgegoren bis zum «Gehtnichtmehr» (einer gern verwendeten Redefigur). Ingolds Gedichtband bleibt so ein Buch zum punktuellen Hineinlesen, mal hier, mal da, serendipitös, auf der Suche nach Sentenzen, die im entsprechenden Moment perfekt passen: «im Fall der Fälle» – und durchaus verwandt mit Klaus Merz' «unsere Aufgabe bleibt die Aufgabe».